Passwort vergessen?     
Seiten: 1 2  3  4  5  6 

Brokkoli und Liebeswolken

24.07.2017
Brokkoli und Liebeswolken

Heidelberger Tonart-Orchester mit Raritäten in der Stadthalle

Von Simon Scherer


Für ausgefallene Programme ist das TonArt-Orchester bekannt. Diesmal war es ein besonders bunter Blumenstrauß, der sich passend zur Eröffnung der Neckarorte-Sommerlounge rund ums Wasser drehte.

Zygmunt Noskowskis „Meerauge“ lebt von Momentaufnahmen: Unnahbare Sinneseindrücke, oft verschleiert und beinahe unheimlich, genauso aber auch von unbeschwerter Romantik durch- tränkt. Die Musiker erwiesen sich hierfür klanglich bestens disponiert. Gerade die Streicher vermochten stimmungsvolles Rauschen äußerst filigran zu strukturieren. Ein Traum auch das balsamisch emporschwebende Oboen—Solo. Dirigent Knud Jansen traf exakt die Mitte zwischen waltender Ordnung und ausreichend Freiraum zur Entfaltung solch multipler Tonschichten.

Uraufführungen von Mannheimer Kompositionsstudenten dürfen bei TonArt nicht fehlen, diesmal unter dem Motto, „wie unter Einbeziehung von fremdem Material Eigenes entstehen kann“. Ohne Vorlage war Emanuele Savagnones „Eiskönigin“, instrumental auf dünnstem Eis sich bewegend, ganz am Rande der Klangsubstanz angesiedelt.
Aus kurzen Sentenzen bestand auch Daria Pavlotskavas „Qualm“: Eine sehr bildliche Komposition, verschwommen, verwirrend, verworren. Das Orchester agierte unglaublich sensibel für diese flüchtig hingehauchten Minimalformen.
Gangjoon Parks „Etwas“ ließ mit explosiven Einfällen und scheinbarer Willkür der Fantasie freien Lauf.
In Passivität verharrte Valentin Schaffs „Großes stummes Kind“.
Schwieriger waren die Assoziationen zu Wataru Mukais „Lang gekochtem Brokkoli“, dessen Quietschen und Quengeln mehr einen Menschen mit komplexer Persönlichkeit vermuten ließ.

Es folgten Auszüge aus Tschaikowskys „Schwanensee“, deren Zusammenstellung allerdings allzu komprimiert war, da zwischen den Ohrwürmern jede Überleitung fehlte. Wirkte die Oboe etwas penetrant, hatte die Klarinette die malerische Tongestaltung sofort intus. Auch das Orchester vermochte schlagfertig Hektik zu schüren: Wunderbar. Fürs erste Hauptthema zauberte eine edel tönende Harfe die glitzernde Kulisse, bevor Lieblingsmelodie Nr. 2 maximal in die Breite gedehnt wurde. Absoluter Zusammenhalt zeigte sich im Unisono atmender Streichermelodien.

Höhepunkt war jedoch Ralph Vaughan Williams’ Tuba-Konzert. Famos, wie Echo-Preisträger Andreas Martin Hofmeir in den Tiefen virtuose Läufe herumgeistern ließ. Peppige Unterhaltungskost auf hohem Niveau, die ein enormes Spektrum tubistischer Möglichkeiten offenbarte: von polternden Bässen bis zu wachsweichen Höhen. In elysischen Gefilden stiegen gar Liebeswolken aus Hofmeirs Schalltrichter empor. Ebenso effektvoll seine wirbelnden Triller und verschleifende Phrasen. Genauso begeistert hat im anschließenden Publikumsdialog sein kabarettistisches Talent, das gekrönt war von Telemanns Flöten—Fantasie als Zugabe.

Strahlende Trompeten-Fanfaren eröffneten zuletzt Prokofjews „Begegnung von Wolga und Don“, ein vielseitig schillerndes Poem, das im tosenden Applaus endete.

RNZ 24. Juli 2017

Sinfonieorchester Tonart Heidelberg spielte in der Mannheimer Christuskirche

02.02.2017
Holleber‐Uraufführung: Impressionen der Natur und der Metropole

Naturphänomene in Klang zu fassen, das interessiert die Komponisten immer wieder. Von barocken Sturm‐Vertonungen bis heute sind viele Natur‐Impressionen durch die Partituren geweht, und auch David Holleber wurde von solchen Phänomenen inspiriert zu seinem neuen Orchesterwerk "Wehende Farben". Die Uraufführung war nun beim jüngsten Auftritt des Sinfonieorchesters Tonart Heidelberg in der Mannheimer Christuskirche zu erleben.

Der junge Komponist aus der Kompositionsklasse Prof. Sidney Corbett an der Mannheimer Musikhochschule, der in Heidelberg geboren wurde und auch Pianist ist, hat ein Werk geschrieben, das an vorbeiziehende Wolkenformationen denken lässt. Graue Wolken, die sukzessive ihre Farbe und Konsistenz ändern. Zarte Klänge, Flageoletts und Sekundreibungen intonierte das groß besetzte, bläserreiche Orchester, spinnwebfeine Dissonanzen und verfremdete Bläsertöne eröffneten ruhige Klangprismen.

Sanfte Klagemotive tönten zwischen wohligen Harmonien und stehenden, kreisenden Klängen. Unter der Leitung seines Dirigenten Knud Jansen musizierte Tonart sehr feinsinnig dieses Werk mit seinen offenen Strukturen und fein gestalteten Verdichtungen.

In ein amerikanisches Programm eingebettet war das neue Werk, das freundlichen Publikumsbeifall erhielt. Ein Zeitgenosse von Mahler war Edward Macdowell, aus dessen "Indianischer Suite" Nr. 2 eingangs zwei Sätze zu hören waren. Einen herrlich warmen Klang aktivierte das Orchester, mit edel tönenden Blechbläsern, guten Holzbläsersolisten und geschmeidigen Streichern. Große Elegien, hymnische Bögen wurden klangsatt ausgestaltet, es wurden wechselnde Stimmungen und Bilder zu schönstem Leben gebracht.

Sehr amerikanisch klang danach die sinfonische Skizze "Jubilee" des Spätromantikers George Chadwick: rhythmisch vital, triumphal und voll strotzenden Selbstbewusstseins. Dazwischen hörte man schmiegsam gestaltete Lyrismen, welche die Weite der Prärie erahnen ließen.

"The pleasure dome of Kubla Khan" hieß eine Tondichtung von Charles T. Griffes. Zauberische Farben und Orientalismen, detailreiche Bläser suggerierten eine erotisch aufgeheizte Atmosphäre in diesem Lustschloss, das nicht nur zum Ausruhen diente. Leidenschaften und Action gab es gleichfalls reichlich.

Zum Schluss: Gershwins "Ein Amerikaner in Paris" in einer herrlich aufgeräumten, überaus schwungvoll‐vitalen Wiedergabe. In Hochstimmung brachten das prächtig aufspielende Orchester und sein Dirigent diese Musik, kam die Polyphonie der Töne, Ereignisse, Farben zu bester Wirkung: Der Lärm der Straße, die vital tanzenden, elastisch swingenden Jazzrhythmen ergaben ein sehr lebendiges Bild der Seine‐Metropole. Sehr präzise ertönten die rhythmischen Impulse, das hatte Swing und Drive, und auch der amerikanische Ton, das lässige Schlendern, kam nicht zu kurz.

Copyright © Rhein‐Neckar‐Zeitung 2017 (Rezensent: Rainer Köhl)

Zarathustra auf der Spur

04.08.2015
Fast wie ein Schwesternwerk oder oder eine Studie zur Tondichtung "Also sprach Zarathustra" wirkt der "Feierliche Einzug der Ritte des Johanniter-Ordens" von Richard Strauss. Über ruhigem Paukenwirbel ertönen feierliche Quinten-Signale der Posaunen, die in einem großen Tuttitriumph mit Beckenschlag münden. Das TonArt Orchester begann sein jüngstes Programm in der Heidelberger Stadthalle eben mit dieser Rarität: Herrlich ausgekostet wurde die feierliche Klanglichkeit. Aus ruhigen, wagnerisierenden Harmonien ließ Chefdirigent Knud Jansen die Klänge zu prachtvoll feierlichem Triumph anwachsen.

Keine Uraufführung gab es diesmal, dafür aber interessante Kostbarkeiten. So auch das Trompetenkonzert von Henri Tomasi, das der Franzose 1948 schrieb. Einen feinen Ton entwickelte der Solist Andreas Stickel mit beweglicher Virtuosität. Klanglich erlesen und stimmungsvoll manövrierte er durch die nächtlich gedämpften Gershwin-Sphären, um dann wieder aufgeweckt munter in kapriziöse Spiellust einzuschwenken. Über eine tolle (Repetitions-)Technik verfügt der Solist ebenso wie er feine Nuancen und exquisite Stimmungen zum Tönen brachte, virtuose Signale lustvoll schmetterte.

Muntere Dialoge ging er mit dem Orchester ein, mit dem Xylophon etwa. Blitzsauber bis in die leisen Diskantspitzen blies der junge Solotrompeter der Rheinischen Philharmonie Koblenz, entlockte im Nocturno erlesene Töne mit der gestopften Trompete, eingebungsvoll von der Harfe und sahnigen Streicherharmonien begleitet. Burleske Spielfreude brachte Stickel ins Finale, mit blitzsauber servierten, rasant wirbelnden Linien: ein vergnüglicher Kehraus.

Schwung gab das TonArt Orchester dem begleitenden Part und ebenso der anschließend erklingenden Ouvertüre zu Rimski-Korsakovs "Die Zarenbraut". Hingebungsvolle Lyrismen hörte man daneben, die Violinen aber waren nicht immer präzise im Zusammenspiel. Emphase und romantische Hochstimmung erhielt abschließend Robert Schumanns 3. Sinfonie, die "Rheinische". Schwingende Ländlerseligkeit, glühende Hörner, zu jubelnder Stimmung hochgejazzte Intensität: Knud Jansen machte beste Arbeit mit seinen Musikern.

© Rhein-Neckar-Zeitung, 29.07.2015

Konzert für die Johanniter

21.07.2015
Mit einem Sinfoniekonzert haben die Johanniter ihrem 60-jährigen Bestehen eine feierliche Note gegeben. In der Christuskirche spielte das Heidelberger Sinfonieorchester Tonart unter der Leitung von Knud Jansen klassische Werke.

Imposant und fast schon monumental eröffnete der "feierliche Einzug der Ritter des Johanniter-Ordens" von Richard Strauß das Konzert. Vor allem die Blechbläser waren bei diesem majestätischen Klang gefordert.

Bei Ausschnitten aus Henri Tomasis Konzert für Orchester und Trompete glänzte Trompeter Andreas Stickel als Solist mit einer tadellosen Leistung. Zwischendurch musste der Solist - der Hitze geschuldet - auch schon mal einen Schluck Wasser trinken. Nach diesem Stück umarmten sich Dirigent Jansen und Trompeter Stickel herzlich. Der Solist spielt ansonsten im Staatsorchester Rheinische Philharmonie Koblenz.

Die Ouvertüre aus "Des Zaren Braut" von Nikolai Rimski-Korsakow überbrückte in schnellem Tempo bis zur Pause. Dann gönnten sich die Zuhörer frische Luft vor der Christuskirche. Ein Trompeter des Orchesters rief mit einem kleinen Solo die Gäste wieder zurück in den Rundbau zum zweiten Teil, bei dem aus Robert Schumanns Sinfonie Nr. 3 "Die Rheinische" mal nicht so schnelle, sondern feierliche aber zum Schluss zu sehr lebhafte Ausschnitte zu Gehör gebracht wurden.

Nicht enden wollender Beifall

Gerade zum Ende hin trieb Dirigent Jansen sein aus jungen Universitätsangehörigen und älteren Berufstätigen bestehenden ambitionierten Orchester nahezu noch einmal zur Hochform. Nicht enden wollender Beifall war der Lohn für diese gekonnte und gelungene Aufführung. Die jungen Zuhörer Sebastian und Ronja fanden das Konzert "sehr gut". Sebastian hatte der modernere erste Teil und Sonja der zweite Teil des Konzerts besser gefallen.

Der Vorsitzende des Johanniter-Regionalverbandes Baden, Wilhelm Salch, fand das Konzert "einfach nur hervorragend. Einen solch orchestralen Einstieg des Einzugs der Ritter des Johanniter-Ordens habe ich zuvor noch nicht gehört." Salch berichtete, dass die Johanniter-Unfallhilfe Mannheim 1955 im Turmzimmer der Konkordienkirche gegründet wurde. Mit mehreren Veranstaltungen wird die Johanniter-Unfallhilfe, dieses Jahr feiern, so der Vorsitzende. Am 19. September zwischen 11 und 19 Uhr wird das Ganze in einem Tag der offenen Tür mit einer Leistungsschau gipfeln und zwar zusammen mit dem Technischen Hilfswerk (THW) und der Feuerwehr auf dem Gelände der Johanniter in Friedrichsfeld, Saarburger Ring 61.

Fred Ruppert, ebenfalls Vorstandsmitglied der Johanniter-Unfall-Hilfe, Regionalverband Baden, blickte zurück. Die Wurzeln der Johanniter reichten bis ins Jahr 1099 zurück. Erstmals wurden zur Zeit der Kreuzzüge verwundete Ritter in Jerusalem behandelte. Der Johanniterorden sei daher aus einer Spitalbruderschaft hervorgegangen, die in Jerusalem ein Johannes dem Täufer geweihtes Hospital betrieb. Heute sind laut Ruppert die Johanniter in Mannheim ein "mittelständisches Unternehmen der Nächstenliebe".

Immerhin 200 Mitarbeiter leisten hier ihre Arbeit. Dazu kommen rund 375 ehrenamtliche Helfer sowie Freiwillige, die ein soziales Jahr verbringen. "Wir sind daher ein modernes Unternehmen mit einer sehr langen Tradition", so Ruppert: "Zukunft seit 1099" könnte der Slogan der Johanniter deshalb heißen.

Die Zielsetzung sei immer unverändert geblieben: Kranken, Verletzten und Schwachen zu helfen an jedem Tag.

© Mannheimer Morgen, Dienstag, 21.07.2015

Zwischen Aufbruch und Tradition

07.02.2015

Uraufführung von Barretts "Pull" mit dem Tonart-Sinfonieorchester Heidelberg in der Stadthalle


Von Simon Scherer

Als Konflikt zwischen Weiterforschen und Rückkehr beschreibt Komponist Michael Warren Barret sein Werk "Pull". Für diesen Zug inneren Verlangens nach Neuerkundung und Zugkraft zum identitätsstiftenden Ursprungsort ist laut Barrett Stillstand definitiv die falsche Lösung. Der Uraufführung mit dem TonArt-Sinfonieorchester in der Heidelberger Stadthalle setzte Dirigent Knud Jansen zwei Romantiker voran, mit deren interpretatorischer Richtung er die "Pull"-Wesenszüge schon mal gesondert vorstellte.

In Verdis Ouvertüre zu "La forza del destino" versetzte Jansen die Streicher sogleich in innere Unruhe, aus der sie unweigerlich auszubrechen gedachten. Nicht nur für ein wehmütiges Duett von Solo und Flöte wusste Jansen absolute Stille zu gewähren, Spannungsmomente aufzubauen, aus denen nervös-prickelnde Geigen erwachten oder weitere Soli im Holz den Faden des Geschehens aufnahmen und weiterführten. Die Entwicklung ging gerade voraus zum Positiven hin, wie es ein friedlich-zufriedener Blechmarsch oder vergnügte Sprünge im Streicherfeld ausstrahlten. In Manuel de Fallas Suite "El amor brujo" ließen die Musiker mit einer großen Palette an Sinneseindrücken reichlich spanisches Flair spürbar werden. Ihr konzentriert arbeitender Dirigent hatte sie auf jedes Detail eingeschworen, sodass er ganz gelassen Elemente herausgreifen und Schwerpunkte setzen konnte: mal verrucht, dann verträumt-schwelgend oder ein affektvoller Kontrast zwischen selbstbewussten Hörnern und demütiger Flöte. Auf hohem Niveau ließen die Musiker ein herrliches Bild der Heimat Fallas in all ihren Facetten vor Augen treten, deren Tradition melodisch wie rhythmisch alle zehn Sätze über treu eingehalten wurde.

Konzentriert auf hohem Niveau


Barretts "Pull" ließ diese Charakterzüge nun gegeneinander antreten. In überschaubarem Aufbau und von Unisono-Motiven geprägtem Verlauf verkörperten die im gleichen Muster wiederkehrenden Klangsprengsel etwas Abgeklärtes, Stumpfsinniges, Deprimiertes. Dem vorwiegend im Tutti aufspielenden Orchester gelang es nur vage, sich zu mehr Optimismus vorzuarbeiten, bevor es zum Schluss zurückgeworfen wurde, hinein in Hoffnungs-und Ausweglosigkeit.

Tschaikowskys Fantasie-Ouvertüre zu "Romeo und Julia" konfrontierte dann noch mit dem Herzschmerz, wunderbar sentimental-anrührend dargeboten. Lediglich die geigerische Energie und der Zusammenhalt im Tempo schwächelten etwas, was dem überschwänglichen Applaus jedoch nicht anzumerken war.

© Rhein-Neckar-Zeitung, 07.02.2015
Seiten: 1 2  3  4  5  6