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Sinfonischer Rückblick auf Heidelbergs "guter Stube"

29.07.2019
Im vorerst letzten Sinfoniekonzert in der Heidelberger Stadthalle setzte das Orchester Tonart auf weniger bekannte Werke

Von Simon Scherer

Damals bildete er den Abschluss des Konzertes, das 1903 feierlich die Heidelberger Stadthalle einweihte. Heute eröffnete er den Abend, an dem zum letzten Mal vor der großen Umbauphase der altehrwürdige Saal mit klassischer Musik gefüllt wurde. So feierlich Wagners "Huldigungsmarsch" auch erschallte, schwang tatsächlich eine versteckte Schwermütigkeit mit. Bald war diese allerdings wie weggeblasen und das Tonart-Sinfonieorchester bekam Gelegenheit für groß aufgefahrene Fortissimi. Dirigent Knud Jansen ließ die Zügel lockerer, um gerade im richtigen Maße ausufernde Klangkulissen aufzubauen.

Ein Jahr später wurde damals Sibelius' Violinkonzert uraufgeführt, womit sich die Musiker einer wahren Herausforderung stellten, da gerade die Interaktion zwischen Solist und Orchesterbegleitung hohe Komplexität besitzt. In vielen Momenten wurde dies mit überzeugendem Stilempfinden gemeistert wie gleich zu Beginn, als sich Alexander Kims geschmeidige Geigenmelodie wunderbar in den Urzustand dieses geheimnisvollen Orchesterwisperns integrierte und erst im Phrasenverlauf zu mehr Aussagebedürfnis fand.
Auch wenn die Dialoge mit dem Solisten genauer hätten abgestimmt sein können und Kim mehr Gehör verdient hätte, traf das Orchester einen passend dunklen Tonfall mit der nötigen Schwere in der Fortbewegung. Ohne Solist hatte Jansen seine Truppe nämlich gut daraufhin getrimmt, allerorts kleine Scheinkämpfe auszuführen, was im Gesamtbild überaus spannungsreich wirkte.
Solche Vorstellungswelten hatte Kim ebenfalls verinnerlicht, der besonders starke Momente in der Kadenz offenbarte, als er in emotionsgeladenen Selbstgesprächen die Melodie gern aus ungewohnter Perspektive betrachtete. im Adagio verzichtete Jansen gekonnt auf zu stark regulierende Strukturen, wodurch alles viel anschaulicher in seiner magischen Natürlichkeit eingefangen wurde und wirklich allen Beteiligten absolutes Fingerspitzengefühl attestiert werden konnte. Gewandt betrat Kim fürs Allegro das Terrain rustikaler Tänze, das sich mit orchestraler Inbrunst zum eigenartigen Fest zusammensetzte, bei dem nicht nur die Solistenfinger in Schwitzen kamen. Für eine delikate Zugabe holte der Geiger die Solo-Cellistin für Sibelius' "Wassertropfen" hinzu.

Während der Bauphase der Stadthalle schrieb Alexander Glasunow seine 7. Sinfonie die als "Pastorale" gern mit Beethovens gleichnamiger Sinfonie verglichen wird, allerdings weit unspektakulärer dahinplätschert. Die Sorglosigkeit dieses naturhaften Treibens spiegelte sich in der Unbeschwertheit der Musiker wieder wie dem ländlichen Schrittrhythmus der Hörner oder dem Hüpfmodus im Holz. Im Andante bestachen die Trompeten mit einer sakral anmutenden Einleitung, bevor nach einem geruhsamen Scherzo im Finale deutlich majestätischer zugepackt wurde. Auch romantische Elemente nahmen hier Kontur an, mit denen Jansen geschickt hantierte und zum stattlichen Forte zusammensetzte.

Tradition haben bei Tonart auch die Uraufführungen; diesmal hob man Emanuele Savagnones "Ostenlich I - Oasi prima: Kashan" aus der Taufe. Für seine mentale Erkundung des Ostens dienten orientalische Bilder aus dem Iran und die Wüstenstadt Katar als Inspirationsquelle, was man aber wissen musste, da seine Stimmungsbilder höchst abstrakt ausfielen. Aus dunkler Mystik erwachend wurden allerlei experimentelle Klangerzeugnisse zutage gefördert, was viel Freiraum für Fantasie bot, da auf konkrete Bezüge konsequent verzichtet wurde.
Seine eigenen Vorstellungen macht man sich wahrscheinlich auch über das künftige Erscheinungsbild der Stadthalle, bei deren Verlassen man beinahe wehmütig wurde.

Sinfonieorchester "TonArt" in exzellenter Verfassung

27.07.2018
Orchester unter Knud Jansen spielte auch Regers Spätwerk "Eine romantische Suite"

Von Klaus Roß (RNZ, 27.07.2018)

Heidelberg. Mit seinem regelmäßigen Einsatz für nagelneue Stücke von jungen Komponisten der Region wie für vernachlässigte Kostbarkeiten des Repertoires hat das Heidelberger Sinfonieorchester TonArt speziell unter dem seit 2012 amtierenden Dirigenten Knud Jansen ein unverwechselbares Profil gewonnen. Regers Spätwerk "Eine romantische Suite", Liszts Klavierkonzert-Fassung der "Wanderer-Fantasie" und auch Valentin Schaffs Novität "tief in den Wäldern" lieferten beim TonArt-Sommerprogramm in der Stadthalle aussagekräftige Belege.

Der 1991 geborene Corbett-Schüler zeigte sich in seiner von Trakls Gedicht "Trompeten" inspirierten zehnminütigen Komposition als bemerkenswert souveräner Beherrscher des großen Orchesterapparates. Gelungen ist ihm eine vor allem rhythmisch zündende Musik, die aber trotz ihrer dominanten Schlagzeug-Power nicht auf melodisch geprägte Kontraste verzichtet. Das bravourös motiviert und präzise spielende Ensemble machte daraus einen echten Publikumserfolg, der für Schaffs Komponistenkarriere noch einige vergleichbare Attraktionen erwarten lässt.

Max Reger als impressionistisch angehauchter Klangzauberer der filigransten und farbdelikatesten Sorte? Genau diese Überraschung hielt die Jansen-Truppe mit dem 1912 entstandenen Dreisätzer "Eine romantische Suite" op. 125 parat. Traumhaft schön das ebenso transparent wie weiträumig aufblühende Auftakt-Notturno (Bläsersoli!), wunderbar duftig-leicht das zentrale "Elfen-Scherzo" à la Mendelssohn, enorm dicht und fein zugleich der bei aller Opulenz nie unnötig dick daherkommende Finalsatz: Regers technisch und gestalterisch äußerst anspruchsvolles Suitenjuwel bescherte einen der besten TonArt-Auftritte der letzten Jahre. Diese für ein Liebhaberorchester außergewöhnliche Leistung sollte unbedingt zu weiteren Reger-Entdeckungen ermutigen.

Hohes Interpretationsniveau bot auch das sensibel ausdifferenzierte Plädoyer für Liszts orchestral ergänzte "Wanderer-Fantasie" von 1851, die mit ihren so geist- wie geschmackvoll vertiefenden Klangideen als sehr dankbare Alternative zum wesentlich sperrigeren Schubert-Original gelten darf. Solist Jonas Emanuel Haffner (Jahrgang 1993) bewies am Flügel erneut jenes herausragend kultivierte Romantikverständnis, mit dem er schon bei seinem Recital im Rahmen der Heidelberger Klavierwoche überzeugt hatte.

Paul Dukas’ Goethe-Vertonung "Der Zauberlehrling" von 1897 bestätigte zum krönenden Abschluss nochmals die unter Knud Jansen erreichte exzellente Verfassung der in allen Instrumentengruppen fesselnd präsenten TonArt-Musiker. Langer Applaus.

Es fröstelt schon beim Zuhören

07.02.2018
KLASSIK ORCHESTER TONART SPIELT MUSIK AUS KALTEN REGIONEN

Es fröstelt schon beim Zuhören

Autor: Markus Mertens (mer), Mannheimer Morgen (Link zum Artikel)

Bisweilen kann es faszinierend sein, eher Ungemütliches zu erkunden: die Kälte, negative Gefühle, die dunklen Seiten des Lebens. Auf solch eine Reise nahm nun auch das Heidelberger Tonart-Orchester seine Zuhörer in einer prächtig besetzen Johanniskirche auf dem Lindenhof mit.

Der Klangkörper unter der Leitung von Knud Jansen beweist mit Michail Glinkas Ouvertüre zu „Ein Leben für den Zaren“ puristische Adelstreue und die Musiker gießen den Frost Sibiriens ebenso stilvoll wie brillant in Form.

Noble Zurückhaltung
Da gibt es kein zu lang gezogenes Vibrato, auch die Bäume in Friedrich Smetanas Landschaftswerk „Aus Böhmens Hain und Flur“ sind von spitzen Eiszapfen gesäumt und selbst Peter Tschaikowskys „Kleinrussische“ ergreift in der Interpretation dieses jungen Ensembles kaum die Chance, in folkloristischen Anekdoten zu schwelgen.

Dass es dem Klangkörper trotz allem gelingt, den russischen Ranken eine kühle Pracht abzulocken, beeindruckt – und bereitet die Zuhörer gleichzeitig konsequent auf das Folgende vor. Denn mit dem Concertino für Cello und Orchester lässt der Italiener Domenico Milone nicht nur die Uraufführung des jungen Sidney Corbett-Schülers Alfredo de Vecchis, sondern auch einen apokalyptischen Abgesang auf Industrialisierung und Technologie aufleuchten.

Gleichermaßen von Gustav Holst und Aaron Copland inspiriert, formuliert de Vecchis eine famose Fahrt in den Abgrund. De Vecchis verflicht geradlinige Moll-Dunkelheit mit frierend-aufzuckenden Streicherklängen. Die Reise ins Dunkel wird zu einem erhabenen Erlebnis für all jene, die Neuer Musik oft den Hang zu schroffen Dissonanzen vorwerfen. Und wenngleich die Schönheit dieses Neulingswerks ätherisch erstarrt, ist der formulierte Anspruch erstaunlich: Die Sehnsucht nach der Finsternis zu passionierter Meisterschaft zu führen, scheint das Ansinnen zu sein. Und es gelingt, wie das am Ende jubelnde Publikum beweist.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 07.02.2018

Reich an Stimmungen

03.02.2018
Sinfonieorchester Tonart Heidelberg mit Uraufführung von Alfredo de Vecchis in der Stadthalle

Ein neues Werk, das vor allem durch seine Atmosphäre besticht, ist nicht das schlechteste für einen Kopmponisten. Aflredo de Vecchis, der an der Mannheimer Musikhochschule in der Komositionsklasse von Prof. Sidney Corbett studiert, hat ein gutes Gespür für Stimmungen und ihre Beredsamkeit. Drum schreibt er besonders gerne Musikdramen
Für das Sinfonieorchester Tonart Heidelberg hat er sein "Concertino" für Violoncello und Orchester geschrieben, das nun in der Stadthalle seine Uraufführung fand. Gewünscht hat sich das Werk der Cellist Domenico Milone, der den Solopart spielte. Mit glissandierenden Violinen, Klage - und Seufzermotiven des Orchesters, elegischen Kantilenen des Solo-Cellos beginnt das Werk. Geheimnisvolle Klangflächen des Orchesters verdichten sich in düsterem Aufbrausen, dunkel insistierenden Kulminationen. Subtile, untergründige Spannungen aktivierte Knud Jansen am Pult von Tonart.
Einen feinen und intensiv gesanglichen Ton entwickelte Domenico Milone aus seinem Solopart, gestaltete ebenso klangschön wie beredt auch in den lebhaft kozertierenden Passagen. Reichen Beifall gab es am Ende für den Solisten ebenso wie für den Komponisten, der die orchestrale Klangpalette und moderne Techniken bestens beherrscht.

Slawische Werke vervollständigten das Programm, das mit Glinkas Ouvertüre zu "Ein Leben für den Zaren" begann: schwungvoll und rustikal beherzt spielte das Orchester auf, innig in der Lyrik. Smetanas Tondichtung "Aus Bähmens Hain und Flur" wurde so musiziert wie es gedacht ist: als hymnisch jubelnde Vaterlandshuldigung mit samt Auskosten der Naturschilderungen. Dabei erlebte man klangschönes Tutti, schwungvolle Begeisterung und tänzerisch böhmischen Elan. Dazwischen streifte man sonnenbeschienene Flurlandschaften in lieblicher Lyrik und ließ sich mitreißen in einem krachend zünden Finale.

Deutlich verjüngt ist das Tonart Orchester. Immer noch gut besetzt in allen Registern, nur den Violinen fehlte es bisweilen an Kohärenz. Das fiel besonders auf bei der Tschaikowsky Sinfonie, die es am Ende gab.
Die selten gespielte Zweite in c-Moll ist eine bezaubernde Musik, die man gerne öfters hören möchte. Dabei ist hier der ganze Tschaikowsky schon da, auch tragische Töne werden nicht ausgespart. Die typischen melodischen Wendungen, die seiner Ober "Eugen Onegin" nahestehen, die imitatorischen Motivweitergaben durch einzelne Soloinstrumente, all das hatte hier schon Eingang.
Insistierendes Allegro im Kopfsatz, elegische Hornkantilenen, schwungvolles Tutti: das Tonart-Orchester hatte bestes Faible für diese Klänge. Knud Jansen am Pult verstand es, Spannungen aufzubauen, diese auch im Leisen wirken zu lassen, etwa zwischen dem lakonischen Marschmodus des zweiten Satzes. Ukrainische Volksmusik hat der Komponist hierbei integriert. Ein burleskes, heiter aufgeräumtes Scherzo und ein prächtig triumphales Finale boten Tonart beste Gelegenheit zum Brillieren.

Von Rainer Köhl, RNZ

Brokkoli und Liebeswolken

24.07.2017
Brokkoli und Liebeswolken

Heidelberger Tonart-Orchester mit Raritäten in der Stadthalle

Von Simon Scherer


Für ausgefallene Programme ist das TonArt-Orchester bekannt. Diesmal war es ein besonders bunter Blumenstrauß, der sich passend zur Eröffnung der Neckarorte-Sommerlounge rund ums Wasser drehte.

Zygmunt Noskowskis „Meerauge“ lebt von Momentaufnahmen: Unnahbare Sinneseindrücke, oft verschleiert und beinahe unheimlich, genauso aber auch von unbeschwerter Romantik durch- tränkt. Die Musiker erwiesen sich hierfür klanglich bestens disponiert. Gerade die Streicher vermochten stimmungsvolles Rauschen äußerst filigran zu strukturieren. Ein Traum auch das balsamisch emporschwebende Oboen—Solo. Dirigent Knud Jansen traf exakt die Mitte zwischen waltender Ordnung und ausreichend Freiraum zur Entfaltung solch multipler Tonschichten.

Uraufführungen von Mannheimer Kompositionsstudenten dürfen bei TonArt nicht fehlen, diesmal unter dem Motto, „wie unter Einbeziehung von fremdem Material Eigenes entstehen kann“. Ohne Vorlage war Emanuele Savagnones „Eiskönigin“, instrumental auf dünnstem Eis sich bewegend, ganz am Rande der Klangsubstanz angesiedelt.
Aus kurzen Sentenzen bestand auch Daria Pavlotskavas „Qualm“: Eine sehr bildliche Komposition, verschwommen, verwirrend, verworren. Das Orchester agierte unglaublich sensibel für diese flüchtig hingehauchten Minimalformen.
Gangjoon Parks „Etwas“ ließ mit explosiven Einfällen und scheinbarer Willkür der Fantasie freien Lauf.
In Passivität verharrte Valentin Schaffs „Großes stummes Kind“.
Schwieriger waren die Assoziationen zu Wataru Mukais „Lang gekochtem Brokkoli“, dessen Quietschen und Quengeln mehr einen Menschen mit komplexer Persönlichkeit vermuten ließ.

Es folgten Auszüge aus Tschaikowskys „Schwanensee“, deren Zusammenstellung allerdings allzu komprimiert war, da zwischen den Ohrwürmern jede Überleitung fehlte. Wirkte die Oboe etwas penetrant, hatte die Klarinette die malerische Tongestaltung sofort intus. Auch das Orchester vermochte schlagfertig Hektik zu schüren: Wunderbar. Fürs erste Hauptthema zauberte eine edel tönende Harfe die glitzernde Kulisse, bevor Lieblingsmelodie Nr. 2 maximal in die Breite gedehnt wurde. Absoluter Zusammenhalt zeigte sich im Unisono atmender Streichermelodien.

Höhepunkt war jedoch Ralph Vaughan Williams’ Tuba-Konzert. Famos, wie Echo-Preisträger Andreas Martin Hofmeir in den Tiefen virtuose Läufe herumgeistern ließ. Peppige Unterhaltungskost auf hohem Niveau, die ein enormes Spektrum tubistischer Möglichkeiten offenbarte: von polternden Bässen bis zu wachsweichen Höhen. In elysischen Gefilden stiegen gar Liebeswolken aus Hofmeirs Schalltrichter empor. Ebenso effektvoll seine wirbelnden Triller und verschleifende Phrasen. Genauso begeistert hat im anschließenden Publikumsdialog sein kabarettistisches Talent, das gekrönt war von Telemanns Flöten—Fantasie als Zugabe.

Strahlende Trompeten-Fanfaren eröffneten zuletzt Prokofjews „Begegnung von Wolga und Don“, ein vielseitig schillerndes Poem, das im tosenden Applaus endete.

RNZ 24. Juli 2017
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